von Richard Artner
Sie
kamen von den Friedhöfen, überfielen (fast) alle Gärten und suchen
sogar öffentliche Plätze, Schulen und Kindergärten heim - diese
uniformen Auswüchse menschlicher Zivilisation sind einfach nicht aufzuhalten.
Was hat die Thuje, dass sie nicht gerade zu meinen Lieblingspflanzen zählt?
Ist es die totale Gleichheit eines jeden Individuums, wo man ohne Betrachtung der Umgebung nicht weiß, ob es Sommer oder Winter ist? Sind es die endlosen, alles umgebenden Gebilde, die mehr Mauern ähneln, aber eigentlich Hecken sein sollten? Oder ist es die geballte Masse an Auftreten, die alles was die Natur sonst noch hervorgebracht hat so ganz im Hintergrund verkommen läßt?
Wahrscheinlich ist es von überall etwas oder alles zusammen. Tatsache ist, daß die Thuje das beliebteste Gehölz des letzten Jahrzehnts ist.
Nicht, dass es den Anschein erweckt, ich sei ein absoluter Thujenhasser. Eine Thuje kann durchaus sehr schön sein, wenn man sie als einzeln stehenden Solitärstrauch so wachsen lässt, wie sie will - wie gesagt: eine Thuje! Aber die restlichen 99%?
Macht es einen Sinn, wenn jeder ein Einfamilienhaus in offener
Bebauung anstrebt und dann nach Fertigstellung sogleich alles wieder mit einer
- in diesem Fall grünen - Mauer umgibt? Warum strebt jeder danach ein möglichst
großes Grundstück zu besitzen, um dann anderen zu erzählen,
wie viel Arbeit sein blöder Garten macht?
Besser wäre es, sich gleich von Anfang an zu überlegen, welche Wünsche und Bedürfnisse man hat und die Fläche um das Haus dementsprechend anzupassen und zu gestalten. Ein Garten kann viel mehr sein als eine Abstandsfläche rund ums Haus, die nur Arbeit macht: Ein Verlängerung des Wohnbereichs nach außen, ein Platz, der zum Entspannen und Wohlfühlen einlädt, wo man schöne Stunden verbringen, die Seele baumeln lassen und die 'leere Batterie' wieder aufladen kann.
Es kommt allein auf die Betrachtungsweise an: Man kann in jeder Sache das Hässliche oder das Schöne, das Unangenehme oder das Angenehme sehen.
Haben wir all die anderen Pflanzen, die eigentlich hier einheimisch sind und viele Jahrtausende vor der Thuje da waren, komplett vergessen? Ist es nicht angenehmer, den Jahreszyklus der Natur im eigenen Garten im Kleinen - vom Austreiben über das Blühen bis hin zu den Früchten - mitzuverfolgen, als jahrein jahraus auf die nahezu unveränderte Rasen-Thujen-Kombination starren zu müssen?
Die richtige Anordnung der Gartenbereiche und eine entsprechende Kombination von Pflanzen kann auch aus sehr kleinen oder ungünstig gelegenen Flächen ein eigenes, kleines Paradies erzeugen und einen Garten für alle Sinne entstehen lassen.
Sichtschutz ist wichtig, dort wo er notwendig und sinnvoll ist,
aber braucht man ihn überall und auch im Winter, wo sich normalerweise
ohnehin keiner im Garten aufhält - und müssen es immer Thujen sein?
Im Sommer sind auch die einheimischen Laubgehölze blickdicht. Aber es gibt
auch andere Möglichkeiten,
einen
ständigen Sichtschutz zu erreichen: Richtige Situierung der Nebengebäude,
Kletterpflanzen, bepflanzte Spaliere, Blütensträucher, etc. seien
nur einige Anregungen. Als Pendant zu den Thujen sind auch Buchsbaum oder Efeu
immergrün und Hainbuchen behalten den Winter über ihre trockenen Blätter
und schützen so vor Blicken.
Und die viele 'Arbeit' mit dem Garten? Arbeit entsteht dort, wo einen etwas stört. Vielleicht sollten wir unseren Ordnungssinn nicht 1:1 vom Haus in den Garten übertragen. Dass Pflanzen unregelmäßig wachsen und ein Garten mitunter einen etwas unordentlichen Eindruck macht, liegt im Wesen der Natur. In einem Hausgarten muss man selbstverständlich die freien Kräfte der Natur etwas im Zaum halten und in eine gewünschte Richtung lenken, aber muss man deshalb gegen die Natur arbeiten und ihr den eigenen Willen aufzwingen? Muss der Garten komplett 'durchgestylt' sein oder sollten wir uns auf die wichtigsten Bereiche beschränken und bei den anderen weniger eingreifen und der Natur mehr Raum lassen? Muss es unbedingt ein englischer Rasen sein, der ständig gemäht und gepflegt werden muss oder kann ich auf weniger genutzten Flächen nicht auch vielleicht eine farbenfrohe und duftende Blumenwiese entstehen lassen, die man nur 2 mal im Jahr mähen muss?
Vielleicht sollten wir versuchen, das Ganze einmal von einer anderen Seite aus zu sehen - das kann mitunter stark die Arbeit erleichtern und zu einem wesentlichen Mehr an Lebensqualität führen.
Auch dieser ist im Vorjahr von den Thujen heimgesucht worden. Eine Linie von stramm in Reihe stehenden Gebilden 'bewacht' entlang des Kindergarten-Gasserls den Garten. Warum gerade dort Thujen gepflanzt wurden, wo gar kein dauerhafter Sichtschutz notwendig wäre, ist nicht ganz nachvollziehbar.
Jetzt stehen sie dort, uniform, leblos wirkend, jahraus jahrein eintönig. Dabei hätte es so viele andere Möglichkeiten gegeben.
Etwa eine Bepflanzung aus einheimischen Sträuchern - Wildsträucher
oder Blütensträucher beispielsweise - in unterschiedlichen Formen
und Farben, die frei wachsen können, wo immer etwas anderes blüht,
wo man klettern, 'Höhlen' bauen und sich verstecken kann, wo man die Früchte
wie Haselnüsse, Kriecherl, Zwetschken, Wildbirnen, etc. sammeln und essen
kann, wo man Teile zum Basteln verwenden kann und wo man die Jahreszeiten und
den Kreislauf der Natur verfolgen und aktiv miterleben kann.
Jetzt stehen sie dort - Thujen, Thujen, Thujen, soweit das Auge reicht.